Welt(kultur)erbe

Monumente, Mythen und Magie – von der UNESCO zum Welterbe ernannt,
erzählen Baudenkmäler und Traditionen aus den glanzvollen Zeiten einstiger Hochkulturen

Die Augen in die Ferne gerichtet, schweben sie im Zeitlupentempo federleicht über den Boden. Zu den Klängen von Gongs und Xylophonen zeugen biegsame Finger, gespreizte Zehen, anmutig geneigte Köpfe und bizarre Balanceakte von beachtlicher Körperbeherrschung. Die grazilen Tänzerinnen des königlichen Balletts gleichen lebendigen Nachfahren der Apsaras, die in der Khmer-Mythologie als göttliche Nymphen gelten und die Bilderfriese des berühmten Tempels Angkor Wat in Kambodscha zieren.

Auch in der ehemaligen vietnamesischen Kaiserstadt Hue besteht die Möglichkeit, Weltkulturerbe nicht nur zu besichtigen, sondern auch hautnah zu erleben. Das kann sogar mit einer Mahlzeit beginnen – zumal die regionalen Spezialitäten oft schon zu Kaisers Zeiten aufgetischt wurden: Der im 19. Jahrhundert regierende Tu Duc hinterließ der Nachwelt mehr als 2.000 Rezepte, die noch immer manche Speisekarte garnieren. Auch die Hofmusik von einst ist überliefert: Von den Vereinten Nationen zum immateriellen Welterbe erklärt, wird ihre Tradition sorgsam gepflegt. Alle zwei Jahre erwacht die einstige Residenzstadt verstärkt zu alter Pracht, wenn sie das grandiose, zwölf Tage währende Hue-Festival zelebriert.

Die meisten UNESCO-Titel erhielt Vietnam bereits in den 1990-er Jahren – mit der Halong-Bucht, dem Nationalpark Phong Nha–Ke Bang und den malerischen Landschaften von Trang An zählt sogar reichlich Weltnaturerbe dazu. Auch Kambodscha kann mit Welterbe aufwarten – die landesweit dritte, kulturhistorische Stätte gelangte erst 2017 mit den Tempelruinen von Sambor Prei Kuk auf die vielversprechende Liste.


Angkor Kambodscha

Sie sahen sich als Mittler zwischen Himmel und Erde, um der Menschheit das mit 200 Quadratkilometern größte Kulturdenkmal Südostasiens zu hinterlassen: Die Gottkönige von Angkor schufen während ihrer Regentschaft vom 9. bis zum 15. Jahrhundert über 1.000 Tempelanlagen. Die Heiligtümer gelten als Meisterwerke der Baukunst, werden auch gern mit Superlativen wie dem „größten Heiligtum der Welt“ oder „achten Weltwunder“ beschrieben …

Hue Vietnam

Die am Schnittpunkt von Nord- und Südvietnam liegende, ehemalige Kaiserstadt Hue gilt als landesweit wichtigste kulturhistorische Sehenswürdigkeit, sollte aber auch aufgrund ihres Flairs jeden Reiseverlauf bereichern. Von 1802 bis 1945 Sitz der letzten Kaiser-Dynastie und im Krieg hart umkämpft, locken weitläufige Palastruinen, Tempel- und Grabanlagen zur Erkundung. Die imposante Zitadelle entstand mit Hilfe französischer Festungsbaumeister und bis zu 80.000 Arbeitern.

Sambor Prei Kuk Kambodscha

Hinter diesem Namen verbergen sich über 150 Tempel und Türme, die im 7. und 8. Jahrhundert zur Königsstadt Isanapura zählten und sich mit drei Hauptensembles über 400 Hektar in der Provinz Kampong Thom erstrecken. Die Ruinen zeugen von einer einzigartigen Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, einem einst blühenden, beispielhaft toleranten Pilgerzentrum mit hinduistischen und buddhistischen Religionen sowie den Ursprüngen der Khmer-Schrift.

Klassischer Tanz Kambodscha

Einst unterhielt der Tanz der Apsaras die Gottkönige, heute gilt die anmutige Bewegungskunst als einzigartiges Kulturgut und Touristenattraktion Kambodschas. Märchenhaft kostümiert, erzählen die Nachfahren der Himmelsnymphen in Phnom Penh und Siem Reap mit über 1.500 sorgsam einstudierten, grazilen Posen vom Schicksal einer Prinzessin im Kampf gegen magische Kreaturen, dem Mut von Kriegshelden oder auch nur von der Entstehung einer Lotusblüte.



My Son Vietnam

Eingebettet zwischen grünen Hügeln und oft in mystische Nebelschwaden gehüllt, zeugen die Ruinen von My Son von glorreichen Zeiten. Erbaut wurde die Tempelstadt des legendären Königreichs Champa in der gleichen Epoche wie Angkor in Kambodscha. Erst 1898 wiederentdeckt, staunten französische Archäologen über die raffinierte Bauweise der Monumente: Die aus Lehm geformten Backsteine wurden lediglich mit Baumharz verklebt, dann mit Hilfe von Feuer als Mauerwerk verfestigt und versiegelt.

Hoi An Vietnam

Wer durch die engen, stimmungsvollen Gassen des mittelalterlichen Hafenorts Hoi An streift, kann in längst vergangenen Zeiten schwelgen … Vom 17. bis 19. Jahrhundert gehörte das einstige „Faifo“ zu den wichtigsten Handelshäfen Südostasiens. Aus dieser Epoche zeugen über 800 historische Bauten, die von der UNESCO 1999 als Weltkulturerbe gelistet wurden: prächtige Wohn- und Handelshäuser, Versammlungshallen, Tempel, Pagoden, Grabmäler und Brunnen – oder die fotogen überdachte Japanische Brücke.

Preah Vihear Kambodscha

Begleitet von verzierten Toren, Höfen, Säulen, Gesimsen und Giebeln, führt eine imposante Treppenanlage über mehrere Terrassen und Galerien hinauf zum Hauptheiligtum. Einst war dieser Tempel Shiva gewidmet und der größte Sakralbau, der außerhalb Indiens zu Ehren des Hindu-Gottes errichtet wurde. Spektakulär ist auch die Lage: Der örtlichen Geographie ideal angepasst, thront der mächtige Sandsteinbau auf einem 520 Meter hohen Felsvorsprung an der Grenze zu Thailand.

Thang Long-Zitadelle Vietnam

Bisher finden sich nur 20 von 140 Hektar der Thang Long-Zitadelle auf der Liste des Weltkulturerbes, doch seit 2001 in Hanoi wichtige Teile des historischen Geländes wiederentdeckt wurden, sind umfassende Grabungen im Gange. Die Überreste zeugen von der Residenz mehrerer Kaiser-Dynastien zwischen 1010 und 1802, zu den rekonstruierten Monumenten gehören das südliche Tor Doan Mon und das nördliche Tor Bac Mon. Nur ein Jahr später bzw. in 2011 erkannte die UNESCO auch die Zitadellen-Ruinen der Ho-Dynastie in Thanh Hoa als Welterbestätte an.

Schatten-Theater Kambodscha

Wie der Apsara-Tanz wäre auch das Schatten-Theater in der Pol Pot-Zeit fast verloren gegangen, doch wurde seine Wiederbelebung 2005 sogar durch einen Welterbe-Titels gewürdigt. Das „Sbek Thom“ entstand bereits im 1. Jahrhundert, seine Puppen werden noch heute aus Leder gestanzt, mit Naturfarben bemalt und an langen Bambusstangen dirigiert. Ihr Spiel berichtet aus dem Alltagsleben oder von humoristisch angelegten Epen, die oft mit einer moralischen Botschaft enden.

Zitadelle der Ho-Dynastie Vietnam

Dieses Monument haben erst wenige Besucher als Weltkulturerbe erkundet – zumal es sich fernab gängiger Reiserouten in der nördlichen Küstenprovinz Thanh Hoa verbirgt. Die Zitadelle wurde 1397 bis 1401 errichtet und wenig später erweitert. Der Bau erfolgte auf einer Fläche von 870 mal 880 Metern mit 20.000 Kubikmetern massiver, aus den umgebenden Bergen herbeigeschaffter Steinquader.


Das Welterbe der UNESCO

Das seit 1972 gelistete Welterbe der Vereinten Nationen umfasst insgesamt 1.071 Stätten in 167 Ländern, erschöpft sich jedoch keineswegs in historischen Baudenkmälern. Auch Landschaften mit einem einzigartigen Charakter können als Weltnaturerbe aufgenommen werden. Bisher wenig bekannt ist die Auswahl bedeutender Dokumente der Menschheitsgeschichte oder – erst 2003 eingeführt – an Meisterwerken des Immateriellen Erbes. Darunter versteht die UNESCO zum Beispiel Traditionen aus Musik, Tanz und Theater, mündlich überlieferte Literatur wie Mythen und Erzählungen oder Formen der Handwerkskunst.


Monumente der Ewigkeit

Ob bei den Cham in Vietnam oder den Khmer in Kambodscha: Die Herrschenden der Hochkulturen von einst verstanden sich als Gottkönige mit grenzenloser weltlicher und sakraler Macht. Ihre Monumente – erschaffen von zigtausenden Soldaten und Sklaven – waren gedacht für die Ewigkeit.

Historischer Ohrenschmaus

Wie könnte sich die alte Kaiserstadt Hue authentischer erleben lassen als bei einer feierlichen Aufführung traditioneller Hofmusik? Seit dem Jahr 2003 als immaterielles Welterbe der UNESCO anerkannt – wie wenig später auch die Gong-Kultur im Hochgebirge des Landes – wird Nha Nhac während der Hochsaison täglich im restaurierten kaiserlichen Theater zum Besten gegeben. Die zeremonielle, facettenreiche Musik wurde während der Nguyen-Dynastie bei religiösen Ritualen, Krönungen, Hochzeiten oder Beerdigungen gespielt, zu denen hoch qualifizierte Musiker und Tänzer aus dem ganzen Land nach Hue kamen.